So hieß ein Zeitungsausschnitt, den ich in der Kunsttherapie wählte, um ihn zu gestalten. Ich dachte dabei eigentlich an meinem Mann. Und malte drauf los.
Ein paar Stunden zuvor ging es um Gefühle. Wir hatten die Kunstkarten „Heute bin ich“ von Mies van Hout. Ich nahm den verwirrten Fisch, weil gefühlstechnisch an diesem Tag in mir viel vor ging. Wir sollten ihn etwas abwandeln, falls gewünscht. Andere Farben…
Ich nahm gelb und blau, malte Angst und Traurigkeit.
Am 10.4. hatte ich meine letzte Kunststunde und wünschte mir, nochmal alle Bilder gemeinsam anzuschauen. Dabei stellte Frau W. fest, dass zwei Bilder thematisch zusammenpassen (siehe oben). Und da nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte Frau W. was sie von Familienaufstellungen hält. Sie meinte, ich solle mal erzählen….
Es war vielleicht 2019 (?). Ich war in meinem ganzen Elend so verzweifelt, dass ich ziemlich mich viel probierte. Wie genau ich in Leipzig bei der Aufstellerin A. landete, weiß ich nicht mehr. Ach!!! Meine ambulante Therapeutin war dort zu Ausbildung, und ich war mal als „Versuchskaninchen“ dort. Da kam mein Geburtstrauma zum Vorschein und darauf hin, buchte ich einen Einzeltermin.
Bei diesem sollte ich „meine“ Angst auf einen Stuhl setzen und sie beschreiben. Ich sah die Silhouette eines Mannes in meinem Alter mit Hut. Anschließend sollte ich mich auf diesen Stuhl setzen. Ganz genau erinnern ich mich nicht mehr, aber sie stellte mir dann die Frage, was ich Nancy ( also die Angst mir) gern gesagt hätte. Und ohne dass ich nachdenken könnte, formten sich in meinen Kopf die Worte “ ich hätte Nancy gern kennengelernt“. Meine Gedanken überschlugen sich. Mein Opa väterlicherseits starb als ich drei war, er hatte mich also kennengelernt.
Dann setzte ich mich wieder auf meinen Platz. Sie teilte mir mit, dass ich einen Zwillingsbruder hatte, der im Mutterleib verstarb. Mein Hirn hatte die Worte noch nicht Mal verarbeitet und ich stand in einem Meer aus Tränen. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Sie erklärte mir dann noch, woran man auch eindeutig erkennt, dass ich Zweitgeborene bin, was ich alles bejahen konnte.
Danach war ich eine viertel Stunde symptomfrei. Und das, obwohl ich 24/7 deutliche Symptome einer PTBS hatte. Es war wie Frieden auf Erden. Es war plötzlich alles so leicht. So „normal“… Also gäbe es keine Probleme auf dieser Welt.
Tja, ich bin kein Mensch, der sowas für Humbug hält, vor allem, wenn der Körper so arg reagiert und Worte sich ohne Nachdenken formen. Aber bis zum 10.4.25 konnte ich es irgendwie nicht ganz glauben. Ich war immer auf der Suche nach beweisen, die ich eigentlich die ganze Zeit vor mir hatte.
In den ganzen Jahren stolperte immer wieder ungewollte über das Thema, las mich auch ein, fand mich zu meinen Erschrecken wieder. Ja, vieles kann .an sicher auch durch andere psychische Gegebenheiten erklären, aber wenn man liest und mitschwingt… Klarer geht es eigentlich nicht.
Die Vorliebe für Wasser (Fruchtwasser), dass ich mich im Wasser so unglaublich geborgen und frei fühle, und genauso friedlich wie in den 15 Minuten. Der Umstand, dass ich nicht weiß, wer ich eigentlich bin und das mein Leben einfach nicht „rund“ läuft. Noch nie. Bis heute nicht. Massive Schuld und Schamgefühle (kommen auch beim sexuelle Trauma vor), massive Verlustängste, die nur Männer bei mir so antriggern können.
Und seit ein paar Tagen erkenne ich auch den Grund meiner massiven Eifersucht, die ich lange Zeit hatte, als ich meinen heutigen Mann damals kennenlernte. Ich wollte ihn für mich allein, so wie ich eben mit meinem Zwillingsbruder zweisam war. Oh man .. ich hab mich damals so fertig gemacht deswegen.
Einsamkeit, Hauthunger (und wie), Sehnsucht nach dem Tod und dem Leben (darüber alleine könnte ich ein Buch schreiben…), Hochsensibilität ( weiß ich seit letzten Jahr), Tiere ersetzen oft den fehlenden Zwilling…. das sind nur ein paar Dinge.
Zurück zu Kunst. Frau W. war dann einiges klar. Sie erzählte mir, dass sie einige Patienten hatte, in deren Bildern Zwillings-/Mehrlingsthemen, sogar Abtreibungen zum Vorschein kamen. Ab da stand ich in gleiche Meer aus Tränen wie damals. Ich hatte das Gefühl, hm, wie soll ich das beschreiben. Verletzt zu sein, schwer, zu bluten, leer zu laufen. Ka. Es hat scheiße weh.
Ihr war es sehr daran gelegen, dem noch einen guten Abschluss zu geben und gab mir eine Stunde Kunst am Nachmittag extra. Bis dahin hatte ich die ganze Zeit über mit Tränen zu kämpfen. Den Kunstraum betrat ich mit Kloß im Hals. Sie fragte mich, wie es mir geht… da liefen nur die Tränen.
Ich sollte dann einen guten Ort zum Sein für mich und meinen Bruder malen. Ging auch nur unter Tränen.
Bild wird nachgereicht (hoffentlich denke ich dran).
Sie fragte mich, was für ein Ort das sei… Ich sagte, ein friedlicher, ohne Leid und ohne Schmerz. Dann steckte sie mir, dass Bilder von Nahtoderlebnissen, vom Licht am Ende des Tunnels, so aussehen…. kK…
Ihr zweites Frage war, ob ich mich manchmal nach so einem Ort Sehne. Das letzte Mal war am gleichen Tag, am Morgen… Und da wurde mir klar, dass mir das im letzten Jahr des öfteren passierte. Es sind weniger S**z**Gedanken ( oder doch?), vielmehr der Wunsch nach Ruhe. Nicht ständig kämpfen zu müssen. Sowas halt.
Sie meinte, ich müsse auf mich aufpassen. Und ins Tun kommen, wenn derartige Idee/Gedanken aufkommen.
Trauerarbeit schlug sie mir noch vor. Ich verließ ziemlich erschöpft die Klinik. Der Weg gestaltet sich eher schwierig. Ich war dankbar für den Rückhalt aus Familie und Fplus (aber, wenn du sowieso mitliest, darf ich R. schreiben? Fplus klingt nach so einem ….Ding…).
Seit Kunst und Frau W., die über enormes Fähigkeiten verfügt, weiß ich nun, dass ich ein alleinegeborene Zwilling bin. Ein Überlebender. All die Jahre hab ich Beweise gebraucht. Wenn Embryonen bei Zeiten ihren Rückweg antreten, werden sie resorbiert. Keine Blutung, nichts. Sie gehen ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Aber Spuren hinterlassen sie. Mehr als genug.
Jede Zelle meines Körpers erinnert sich. Ein guter Grund um jemanden zu vermissen, den man „nicht kennenlernen durfte“. Er fehlt mir. Ich sehe ihn in so vielen Dingen und Situationen. Er hinterlässt ein Loch, was ich 39 Jahre nicht füllen konnte.
„Der Tod ist die Grenze des Lebens, nicht aber der Liebe“
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